Linke in ideologischer Zwickmühle

Kurdenbande überfällt »autonomes« Zentrum: »Übliche aktionistische Mittel nicht anwendbar«

Nach einem brutalen Überfall auf ein linksautonomes Wohnprojekt im Berliner Bezirk Wedding herrscht in der linken Szene weitgehendes Schweigen. Der Grund: Bei den mutmaßlichen Tätern handelt es sich um eine Bande kurdischer und libanesischer Jugendlicher. Das linke Wohnprojekt wird wahrscheinlich um Schutzgeld erpresst.

30 Unbekannte, die gewaltsam in ein Haus eindringen und Bewohner und Besucher mit Eisenstangen und Baseballschlägern attackieren, so sieht das abrupte Ende einer Veranstaltung in der Nacht vom 3. zum 4. Februar aus. Bis die Polizei bei dem überfallenen Haus, einem „linksautonomen“ Wohnprojekt in der Berliner Schererstraße, eintrifft, haben sich die Angreifer schon wieder verzogen. Zurück bleiben zerschlagene Scheiben und Opfer, die gegenüber der Polizei partout keine Angaben zum Sachverhalt machen wollen.
Die meisten der Betroffenen dürften durch den Überfall einen Schnellkurs in Sachen Realität erhalten haben, der das bisher gepflegte Weltbild auf eine harte Probe stellt. Mit der Polizei kommt ausgerechnet von jener Seite Hilfe, die über Jahre in linksautonomen Kreisen als Feindbild herhalten musste. Bedroht wird das linke Projekt stattdessen aus den Reihen einer Bevölkerungsgruppe, die bisher in einer Opferrolle und als Verbündeter im Kampf gegen das „System“ und gegen „Rechts“ gesehen wurde.
Mutmaßlich verantwortlich für den brutalen Überfall ist eine Bande libanesischer und kurdischer Männer und Jugendlicher, die sich als „Streetfighters“ (Straßenkämpfer) bezeichnet: Eine etwa 50- bis 60-köpfige Bande, deren Mitglieder fast durchweg bereits bei der Polizei als Straftäter, teilweise sogar als sogenannte Intensivtäter, bekannt sind.
Auch Wochen nach der Attacke auf das linke Wohnprojekt hält die Mehrheit der überfallenen Hausbewohner an ihrer Strategie des Schweigens fest. Aus einer Erklärung der Projektmitglieder spricht die pure Hilflosigkeit: „Da es sich weder um Nazis noch um Bullen handelt, sind die üblichen aktionistischen Mittel nicht anwendbar. Wir werden auf euch zu kommen und um Unterstützung bitten, wenn wir wissen, wie ihr uns helfen könnt.“ Die bisher verfolgte Linie klingt nicht nur hilflos, sie ist auch erfolglos: Dem ersten Überfall in der Nacht zum 4. Februar folgte ein weiterer Zwischenfall, bei dem nochmals zwei Personen durch Schläge und Tritte verletzt worden sind.
Über den Umgang mit den gewalttätigen Attacken herrscht in der linken Szene Uneinigkeit. Vorherrschende Meinung ist, über die Vorgänge nicht öffentlich zu reden, um sich nicht dem Verdacht der Ausländerfeindlichkeit auszusetzen. Nicht alle scheinen sich allerdings an diese Linie gebunden zu fühlen, so dass inzwischen auf einschlägigen linksextremen Internetseiten erste Hinweise zum möglichen Hintergrund des Überfalls zu finden sind. Bei „indymedia.org“ ist etwa von „enormen Geldforderungen“ an „die Kneipe und den Infoladen des Hausprojekts“ zu lesen. Im Klartext heißt das: Die kurdisch-libanesische Bande versucht, Schutzgeld zu erpressen.
Zumindest offiziell bestreitet die Berliner Polizei bislang, Erkenntnisse über einen derartigen Tathintergrund zu haben. Doch dieses Dementi steht auf wackeligen Füßen, wie der Verlauf der bisherigen Ermittlungen nahelegt. Während das Landeskriminalamt anfänglich nur wegen Sachbeschädigung und des Verdachts des schweren Landfriedensbruchs ermittelt hatte, hat inzwischen die Abteilung für organisierte Kriminalität die Ermittlungen übernommen. Für den Versuch einer Schutzgelderpressung spräche zudem, dass die Bande bereits in der Vergangenheit mit anderen Gruppen aneinandergeraten ist, die ebenfalls der organisierten Kriminalität zugeschrieben werden. Ein Vorstoß der „Streetfighters“ auf fremde „Geschäftsfelder“ hatte als Gegenreaktion den Überfall einer Rockergruppe auf den Treffpunkt der Bande zur Folge. Nach dieser Abfuhr wurde die Gruppe vor allem durch Raub- und Gewaltdelikte im Weddinger Kiez aktenkundig – Berliner Kriminalitätsalltag gewissermaßen.
Das Treiben der „Streetfighters“ – amtsintern als „regional begrenzt agierende, rockerähnliche Gruppierung“ beschrieben – wäre ohne den jüngsten Überfall auf ein linkes Wohnprojekt den meisten Berliner Medien kaum eine Meldung wert gewesen. Weitgehendes Schweigen herrscht auch hinsichtlich des wahrscheinlichen Hintergrunds der Bandenmitglieder, die in der Presse lediglich als Kurden und Libanesen angegeben wurden. Etwas hilfreicher ist da schon die Andeutung, dass es sich bei dem Anführer der Gruppe um den Angehörigen einer „kurdischen Großfamilie“ handelt.
Das Problem krimineller Familienclans, meist arabischsprechender Kurden aus dem Osten der Türkei, ist bereits seit den 90er Jahren in Berlin hinlänglich bekannt. Zeitweise war eine gesamte Sonderermittlungsgruppe der Berliner Polizei nur damit beschäftigt, den sich gegenüber Behörden als Libanesen ausgebenden Kurden die wahre Identität nachzuweisen. Der Erfolg der jahrelangen Ermittlungen war eher mäßig. Die 2010 unter Aufsehen erregenden, mysteriösen Bedingungen verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig schätzte, dass sich allein in Berlin 20 bis 30 kriminelle Clans mit zirka 8000 Angehörigen als feste Größen etabliert haben.

(Norman Hanert, PAZ)

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