Ramsan Kadyrow führt Tschetschenien mit harter Hand zur islamischen Republik.

In der autonomen russischen Republik Tschetschenien wird das öffentliche und private Leben immer stärker islamisiert. Mit harter Hand wollen Präsident Ramsan Kadyrow und der Mufti Mirsajew im Süden Russlands eine Vorzeigerepublik schaffen. Mit dem Preis, dass Tschetschenien immer mehr zum Staat im Staat wird – zu einer Art islamischen Republik.

Die grösste Moschee Europas ist das “Herz Tschetscheniens”

Der Stolz ganz Tschetscheniens hat gleich vier 62 Meter hohe Minarette, fasst 10′000 Menschen und ist die grösste Moschee Europas: die Achmat-Kadyrow-Moschee. Wie so vieles in Grosny wurde die Moschee nach den beiden Tschetschenien-Kriegen von 1994 bis 1996 respektive 1999 bis 2009 gebaut, von türkischen Baufirmen für 20 Millionen Dollar in nur 22 Monaten errichtet und am 17. Oktober 2008 eröffnet. Sie trägt den Namen von Achmat Kadyrow, dem ehemaligen Mufti von Tschetschenien.
Dieser rief 1994 zum Dschihad gegen Moskau auf, wechselte dann aber die Seiten und wurde zuerst Chef der russischen Verwaltungsbehörde in Tschetschenien, dann in einer umstrittenen Wahl zum Präsidenten der Republik Tschetschenien gewählt. 2004 wurde Achmat Kadyrow bei einem Sprengstoffanschlag im Fussballstadion der Hauptstadt Grosny getötet.
Sein Sohn Ramsan Kadyrow wurde 2007 vom damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin zum Präsidenten Tschetscheniens ernannt, wenig später dann auch vom tschetschenischen Parlament bestätigt.
Tschetschenien ist seit dem 16. Jahrhundert traditionell islamisch, die 1,2 Millionen Einwohner bekennen sich überwiegend zum sunnitischen Islam. Zur Mittagsstunde stehen jedoch nicht sehr viele Schuhe vor dem Eingang, verlieren sich nur wenige Gläubige im 5′000 Quadratmeter grossen Innenraum der Achmat-Kadyrow-Moschee, die auch als “Herz Tschetscheniens” bezeichnet wird.

Der Mufti sorgt für die “geistig-moralische Wiedergeburt Tschetscheniens

An der linken Flanke der Achmat-Kadyrow-Moschee befindet sich das Gebäude des Muftiats. Es ist der Sitz von Sultan Beterowitsch Mirsajew, dem religiösen Oberhaupt der Tschetschenen. Während Präsident Ramsan Kadyrow für den Aufbau der Infrastruktur und Ruhe auf den Strassen sorgt, ist Mufti Mirsajew für die “geistig-moralische Wiedergeburt der Tschetschenischen Republik” zuständig.
Nach der Sicherheitskontrolle am Eingang des Gebäudes geht es zuerst in den ersten Stock. Der Chef der vierköpfigen Presseabteilung des Muftiats informiert über die Arbeit der Institution, die in Tschetschenien den offiziellen Islam verbreitet. Er erzählt vom Zentrum für islamische Medizin. Und er zeigt Bilder vom erfolgreichen Ende einer Blutfehde, das ein Vertreter des Muftiats durch Vermittlung zwischen den verfeindeten Clans bewirkte. Dann wird eines der raren Interviews mit Mufti Sultan Mirsajew gewährt.

Mit offiziellem Islam gegen Extremismus

Mirsajew sitzt mit ernster Miene an einem schweren, dunklen Holztisch. Er notiert vor dem Beginn des Gesprächs die Antworten auf die Fragen, die zuvor eingereicht werden mussten. Derweil platziert sich ein Kameramann des Muftiats. Respektvolle Stille herrscht, bevor der Würdenträger zu sprechen beginnt.
“Viele tschetschenische Traditionen korrespondieren mit dem Islam. Es gilt, nach den Regeln der Scharia und des Korans zu leben”, sagt Mirsajew. Für den Gottesmann gibt es in Tschetschenien auch keine Gewaltentrennung, keinen Säkularismus: “Der nichtreligiöse Staat hat seinen Platz. De jure ist das auch so, aber de facto spielt der Islam eine grosse Rolle.”
Schliesslich seien doch 99 Prozent der Staatsangestellten mitsamt dem Präsidenten Muslime. “Ramsan hat viel getan und unternimmt auch viel für die Propagierung des offiziellen Glaubens”, würdigt Mufti Mirsajew den tschetschenischen Präsidenten.

Religiöse Reglementierung des Lebens in Tschetschenien

Der Vater des Präsidenten, Achmat Kadyrow, war in den 1990er Jahren auch Mufti von Tschetschenien. Ramsan Kadyrow trete für die Hochhaltung tschetschenischer und islamischer Grundwerte ein. Und Tschetschenien sei exemplarisch dafür, wie man den Terrorismus zu bekämpfen habe, sagt Mufti Mirsajew. Leider geschehe dies in den Nachbarrepubliken zu wenig effektiv. “Dort ist die Arbeit noch nicht getan”, erläutert der Glaubensgelehrte.
Auch sonst unternehme Ramsan in Tschetschenien viel gegen den nichttraditionellen Islam, den die Extremisten propagieren, betont Mirsajew. Das Töten von Menschen sei im Koran verboten. In Moscheen und in den Schulen betreibe man Aufklärungsarbeit, um die Jugend davon abzuhalten, zu den extremistischen Terroristen überzulaufen. “Denn das sind unausgebildete Leute, die von ihren Eltern ungenügend im Islam unterrichtet wurden”, sagt der Mufti zum Schluss des Gespräches.

Ramsan Kadyrow ist der Mann fürs Grobe

Der hemdsärmlige Ramsan Kadyrow ist ein Mann ohne akademische Bildung. Man attestiert ihm aber, unheimlich schnell dazu zu lernen. Westliche Medien und Organisationen bringen ihn mit Morden und Attentaten an systemkritischen Journalisten und Menschenrechtlern in Verbindung, in Tschetschenien wird ihm dagegen viel Respekt, aber auch Angst gezollt.
Ramsan Kadyrow hat massgeblich zum Wiederaufbau Tschetscheniens beigetragen und man attestiert ihm eine ehrliche Motivation, die Lebensumstände für das Volk zu verbessern. Doch die Medien sind gleichgeschaltet. tschetschenische Zeitungen und Fernsehen loben Kadyrow und seine Arbeit, kritische Töne sind nicht gefragt. Die Zivilgesellschaft hat zwar insgesamt eine beschränkte Freiheit erhalten – wird aber vom autoritären Machthaber mit harter Hand gelenkt.
Die mit grossem Tempo zunehmende, religiös beeinflusste Reglementierung des öffentlichen und privaten Lebens ist etwas, was viele fortschrittliche Tschetschenen heute beschäftigt. So herrscht zum Beispiel in der Universität seit 2008 für Studentinnen eine Kopftuch-Tragepflicht.

Ein islamisches Gewand soll fortschrittliche Tschetschenen disziplinieren

Und seit Oktober 2009 müssen Staatsangestellte in den Ministerialbüros am Freitag ein angeblich traditionelles islamisches Gewand tragen. Das finden nicht alle gut: “Wenn ich an meinem Arbeitsplatz ein Gewand tragen muss, lasse ich mich pensionieren”, sagt dazu ein älterer Tschetschene, der im Staatsdienst arbeitet und wegen Repressionsgefahr nicht genannt sein will. Wer sich dem Kleiderzwang widersetzt, dem droht die Entlassung. Einer seiner Freunde, der in einem Ministerium arbeitet, wurde bereits verwarnt.
Bemerkenswert: Die von den Behörden zum Tragen verordnete Tracht ist einer Bekleidung aus dem 19. Jahrhundert nachempfunden, die Angehörige der untersten tschetschenischen Gesellschaftsschicht zu tragen hatten. Die Symbolik könnte aussagekräftiger nicht sein. “Das ist der Versuch, die Leute noch mehr zu islamisieren, ihnen die Würde zu entziehen und sie einzuschüchtern, um auf diese Weise leichter regieren zu können”, äussert sich der Tschetschene. Die russische Verfassung verbiete solche Reglementierungen. “Aber die zentrale Macht in Moskau verschliesst einfach ihre Augen davor.”
Auch Jüngere haben mit den Einschränkungen des Lebens ihre Mühe. Ein knapp über Zwanzigjähriger erklärt: “Wenn wir Jungen Spass haben wollen, fahren wir mit dem Auto fünf Stunden in die Region Stawropol, nach Pjatigorsk. Hier in Grosny dürfen wir ja nicht einmal eine Frau berühren.”
Die jungen Tschetscheninnen tragen auf der Strasse zwar ausnahmslos Kopftücher, verzichten aber nicht darauf, sich modisch zu kleiden. Die Republiksregierung tut ihr möglichstes und kämpft mit Kampagnen in den Massenmedien gegen Alkohol, Drogen, Prostitution und Glücksspiel. Alkoholische Getränke findet man nur in ausgewählten Geschäften, Wodka oder Weinbrand werden für das Kundenauge uneinsehbar in Nebenräumen gelagert und nur auf Nachfrage geholt. In längst nicht allen Restaurants bekommt man ein Bier.

Ramsan Kadyrow stabilisiert Tschetschenien mit der Waffe in der Hand

Neben der Destabilisierung der benachbarten Kaukasusrepubliken Inguschetien, Dagestan und Kabardino-Balkarien wurden 2009 auch in Tschetschenien wieder vermehrt Attentate auf Staatsorgane verzeichnet, sogar in der als relativ sicher geltenden Hauptstadt Grosny. Dafür verantwortlich gemacht werden die Dschihadisten, die den Nordkaukasus in ein Kalifat verwandeln wollen. Diesen auf mehrere Hundert Kämpfer geschätzten Gruppierungen sind auch die Republiksregierungen ein Dorn im Auge. Ihrer Ansicht nach sind Leute wie Kadyrow Marionetten des Kremls.
Ramsan Kadyrow wiederum versucht den Splittergruppen in den Bergen durch Spezialeinsätze der Sicherheitskräfte den Garaus zu machen. Zuweilen führt er die Einsätze höchstpersönlich an, schliesslich war er früher Anführer der Leibgarde seines Vaters. Die Stabilisierung seiner Republik, die im April 2009 mit der aus Moskau verkündeten Beendigung des Antiterrorstatuts in Tschetschenien “offiziell” wurde, soll anhalten.

Die relative Stabilität in Tschetschenien hat aber ihren Preis

Grosny ist in der Tat nicht mehr das Grosny der beiden Kriege Mitte der 1990er Jahre und an der Jahrtausendwende. Zwar sind die Schrecken, das Blut, die Zehntausenden Toten und Vermissten längst nicht vergessen. Optisch aber ist das Kriegsgrauen gewichen, ein beispielloser Wiederaufbau der Infrastruktur hat stattgefunden. Die Gelder aus dem fernen Moskau scheinen bei der Bevölkerung anzukommen, selbst in den Dörfern abseits der 300′000 Einwohner zählenden Hauptstadt ist eine leichte Verbesserung der Lebensumstände spürbar.
Die relative Stabilität in grossen Teilen Tschetscheniens hat aber ihren Preis: Der Kult um Kadyrow sucht ebenso seinesgleichen wie die Islamisierung und die Verselbstständigung Tschetscheniens als Republik innerhalb der Schranken der Russischen Föderation.
Ramsan Kadyrow hat sich zum Ziel gesetzt, Tschetschenien zur Vorzeigerepublik in Russland zu machen. Der Islam ist eines der Werkzeuge dazu. Der Kreml schaut dabei zu, auch wenn Tschetschenien immer mehr zum Staat im Staat wird – zu einer islamischen Republik – denn Kadyrow garantiert mit seiner Politik der harten Hand relative Ruhe in Tschetschenien.

(André Widmer, maiak.info)

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