Rotierende Gipfelkreuze

Zu den unvermeidlichen Lektüren unserer Jugend zählte neben Karl May, Jack London und Jules Verne auch H. G. Wells; und so, wie keiner Winnetou, Wolfsblut und Kapitän Nemo je vergessen wird, so blieb uns allen aus Wells’ „Krieg der Welten“ eine Szene unauslöschlich in Erinnerung: die erste Begegnung des Erzählerhelden mit jenen Maschinenmonstern, mit denen die Marsbewohner ihre Invasion der Erde einleiten: „Anfangs achtete ich nur auf die Straße vor mir; plötzlich aber wurde meine Aufmerksamkeit durch etwas anderes erregt. Ein ungeheurer Dreifuß, höher als viele Häuser, fuhr über die jungen Fichten und schmetterte sie zur Seite. Ohne lange zu überlegen, riss ich das Pferd herum.“
Inzwischen wurde die Horrorvision des Jahres 1898 Wirklichkeit. Es gibt sie, diese stählernen Monster, auch wenn sie sich statt mit drei Füßen mit drei Rotorblättern durch die Landschaft fräsen. Doch sie sind kein Werk außerirdischer Invasoren. Sie sind einzig von uns selbst gemacht. Ich will nicht verleugnen: Es ist auch eine Kinderangst, ein atavistisches Urentsetzen, das mich umtreibt. Die Vernunft sagt mir: Es hilft der laufenden Debatte herzlich wenig, die Windenergie zu dämonisieren. Sie hat innerhalb eines umfassend neu bedachten Energiekonzeptes durchaus ihre sinnvolle Funktion Doch jedes Mal, wenn jäh nach einer Steigung auf dem nächsten Gipfelkamm vier oder fünf von diesen Ungeheuern aus dem Nichts auftauchen, befällt mich die alte H.-G.-Wells-Horror-Vision: ein panisches Bedürfnis, das Steuer herumzureißen; das Steuer politisch herumzureißen, um die Menschen vor dieser Ungeheuerlichkeit zu bewahren.

Es geht nicht länger bloß um zukunftsweisende Bauästhetik

Den Erfindern dieser Technologie war das Monströse noch bewusst. Als in den frühen 1980er Jahren im Kaiser-Wilhelm-Koog bei Marne die erste deutsche Großwindenergieanlage errichtet wurde, waren es die Betreiber selbst, welche diese sperrige Bezeichnung in einer Anwandlung von Galgenhumor auf das Kürzel „Growian“ reduzierten und ihre Gesellschaft „Growian GmbH“ nannten.
Dies hat sich inzwischen gründlich geändert. Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte wörtlich: „Das sind sehr schöne Maschinen, mir gefallen sie.“ Und in einer Broschüre der Firma NW – Neuhäuser-Windenergiesysteme, spezialisiert auf den Markt relativ kleiner, also mit rund 20 bis 25 Metern „nur“ kirchturmhoher Anlagen für jedermann, liest man unter dem Titel „Visuelle Integration“ folgende Werbelyrik: „Die vertikalen H-Rotoren der NEUHÄUSER-Windenergiesysteme haben eine elegante, schlanke Form und eine symmetrische Ausrichtung. Die Anlagen sind architektonisch und städtebaulich gut integrierbar und fügen sich besonders in eine zukunftsweisende Bauästhetik homogen ein.“ Doch unser wenigstens in Teilen immer noch berückend schönes altes Deutschland besteht leider nicht allein aus „zukunftsweisender Bauästhetik“. Es besteht aus einer in Jahrtausenden gewachsenen, geformten Landschaft, einem singulären Reichtum zivilisatorischer Strukturen und historischer Substanz.
Nach der Energiewende des Sommers 2011 geht es nicht länger bloß um „zukunftsweisende Bauästhetik“, also um Gewerbegebiete, Industriereviere, Siedlungswüsten und planierte Autobahnbrachen. Dort sind Windräder tatsächlich „städtebaulich gut integrierbar. „Doch davon reden wir hier leider nicht. Inzwischen nämlich geht es um die Kernregionen deutscher Geschichte und Kultur, um Landschaftsschutzgebiete, bislang sorgsam bewahrte Kulturräume und Ensembles, die man um unseres unstillbaren Energiehungers willen im Verein mit den unsagbaren Photovoltaik-Untaten auf den Dächern alter Ortsgefüge, in ihrer Identität, in ihrem Wert hinrichtet und vernichtet.

„Bayern, das erste Land mit rotierenden Gipfelkreuzen“

Was wir in Bayern angesichts der laufenden Planfeststellungsverfahren noch als Schreckensszenario diskutieren, ist anderswo längst desaströse Realität. In Niedersachsen zum Beispiel, das derzeit mit mehr als 5500 Anlagen den Rekord unter den deutschen Bundesländern hält. Ein Agenturbericht der regierungsnahen Berliner dapd vermeldet die Verwüstung so: „Beim Ausbau der Windenergie in Deutschland behält Niedersachsen die Spitzenposition inne. Im vergangenen Jahr wurden knapp ein Fünftel aller bundesweit neu installierten Windenergie-Anlageleistungen in Niedersachsen errichtet.“
Kann es das wirklich sein? Dieses Elendsbild eines besetzten, seiner selbst beraubten Landes nunmehr auch in Bayern – wenn auch unter umgekehrter Prämisse? Denn hier sind es nicht die Ebenen, welche die Planer reizen, sondern die Hügel, Berge, Gipfel, Höhenkämme. Der „Bayerische Windatlas“ des Staatsministeriums für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie benennt ausdrücklich „die bewaldeten Anstiege zu den höher gelegenen Regionen Bayerns“, also konkret den Oberpfälzer Wald, die Rhön, die Fränkische Alb, das Fichtelgebirge, den Frankenwald, den Bayerischen Wald sowie das gesamte Alpenvorland einschließlich der Bayerischen Alpen.
Während man in Niedersachsen die Fläche und Weite einer Landschaft hemmungslos verspargelte, geht es in Bayern um die prägenden Sichtachsen, die großen Perspektiven unseres Landschaftsbildes. Die Kabarettistin Luise Kinseher fand dafür eine glänzend böse Formulierung: „Bayern, das erste Land mit rotierenden Gipfelkreuzen.“ Der Witz ist gut genug, um ihn für eine Minute ernst zu nehmen. Denn was sind Gipfelkreuze, wenn nicht Erinnerungszeichen, dass man dort, wo Ebenen und Täler unter einem liegen, wo der Ausblick grenzenlos und frei ist und darüber einzig noch der Himmel; dass man eben dort demütig werden sollte und, vielleicht, dem Herrgott danken für die Wunder, die wir Schöpfung nennen? Stattdessen nun also die Riesentotems eines Kults der unbegrenzten Energie, die Fetische des Wachstumsglaubens, die Verkünder einer Religion des merkantilen Hochmuts?

Ein erschütterndes Resultat

Windkraftanlagen sind nicht nur Geländefresser. Sie erfordern nicht nur die Erschließung, also die Entwaldung ganzer Höhenzüge. Sie sind zudem hocheffiziente Geräte zur Vernichtung von Vögeln und Fledermäusen. Die „Hinweise zur Planung und Genehmigung von Windkraftanlagen“ der Bayerischen Staatsregierung vom 20. Dezember 2011 bnennen als besonders gefährdet unter anderen den Schwarzstorch, den Weißstorch, die Wiesen- und die Rohrweihe, den Schwarz- und den Rotmilan, den Baum- und den Wanderfalken, den Wespenbussard, den Uhu, den Graureiher – all dies ohnehin bedrohte Vogelarten, die vom Sog der Windräder eingezogen und buchstäblich zerhäckselt werden. Den Fledermäusen lässt bereits der Druckunterschied im Umkreis der Rotoren ihre Lungen platzen.
Dazu kommen Arten, welche die Nähe von Windkraftanlagen – vermutlich wegen der Geräuschemissionen und der Bewegung der Rotorblätter – panisch meiden. Die Autoren der bayerischen „Planungshinweise“ nennen diesen Artenverlust durch Abwanderung sehr treffend „Scheuchwirkung“. In ihrem 65-seitigen Text werden die Probleme und Gefahren der Windkraft ungleich sorgsamer diskutiert als in manch geifernder Polemik. Umso erschütternder erscheint das Resultat. Denn der entsprechende Passus in der Pressemitteilung des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Gesundheit lautet: „Die für die Zulassung in der Praxis wichtige artenschutzrechtliche Prüfung wird auf den erforderlichen Umfang beschränkt. So reduziert sich der mögliche Prüfungsumfang von bisher 386 auf 26 Vogelarten und von bisher 24 auf 8 Fledermausarten.“
Mir stockte der Atem, als ich meine Befürchtungen dem Vorsitzenden des Bund Naturschutz in Bayern, Hubert Weiger, mitteilte und von ihm folgende Antwort erhielt: „Nach intensiver interner Diskussion im Bund Naturschutz und im Bundesverband BUND sind wir im Interessenskonflikt Energie – Wald – Artenschutz zu dem Schluss gekommen (. . .), dass es aktuell keine Daten gibt, die in Deutschland eine Gefährdung von Populationen von Tier- oder Pflanzenarten nahelegen oder belegen. Die Mortalitäten im Straßenverkehr sind um den Faktor 1000 bis 10.000 höher.“

Eine der wichtigsten Vogelrouten war höchst gefährdet

Woher dieser Enthusiasmus für die Windkraft, der den BUND in Baden-Württemberg sogar zu einem Internetauftritt mit dem Titel „Argumente für Windenergie“ veranlasste? Woher die Chuzpe, darin auch noch das folgende Unfassbare zu formulieren: „Landschaftsschutz kann dabei nur ein Unter-Argument in der Abwägung sein. Schon immer prägte der Mensch massiv seine Umwelt.“
Ich wollte, ich könnte derlei Stellungnahmen einem Anfall geistiger Verirrung zugutehalten. Aber wurde nicht ausgerechnet die „Naturstrom AG“ als erstes unabhängiges Ökostrom-Handelsunternehmen Deutschlands 1998 vom BUND mitgegründet? Wirbt nicht der BUND selbst für dieses Unternehmen mit dem Argument, „dass man sich als Naturstrom-Kunde ganz automatisch an der Förderung von Neuanlagen beteiligt“. Kurz – ich kann mich des fatalen Eindrucks nicht erwehren: Hier geht es gar nicht um Natur und ihren Schutz. Hier geht es möglicherweise schlicht um Geld.
Und es ging um Geld, als der BUND im Jahr 2003 vor Gericht zog, um gegen den geplanten Windpark in Nordergründe am Wattenmeer zu klagen. Eine der wichtigsten europäischen Vogelrouten war höchst gefährdet. Aber weil es eben um Geld ging, um sehr viel Geld, zog der BUND gegen eine Zahlung von 800.000 Euro des Betreibers seine Klage zurück. Das Geld floss bei Baubeginn an eine Stiftung, die von BUND-Mitgliedern verwaltet wird (wegen geradezu marginaler Beiträge treten heute Bundespräsidenten zurück). Das gleiche Muster, nur mit abenteuerlicheren Beträgen gegen die Emsvertiefung: Klageverzicht des BUND, gütliche Einigung mit dem Betreiber, 9 Millionen Euro an eine Stiftung. So einfach ist das.

Man hat sie schlicht gekauft

Dies jedoch, diesen Verdacht der Käuflichkeit, vermag ich nicht länger mitzutragen. Vor 37 Jahren hatte ich die Auszeichnung und Ehre, den BUND gemeinsam mit so großen Männern wie Bernhard Grzimek, Hubert Weinzierl und Herbert Gruhl zu gründen. Ich war in dieser Gründerzeit Vorstandsmitglied und Sprecher des wissenschaftlichen Beirats. Nun jedoch ging mir das Heimatgefühl in diesem meinem zweiten Vaterhaus verloren. Ich erkläre deshalb schweren Herzens und in großer Trauer hiermit meinen Austritt. Ich will nicht Teil sein und teilhaben an all dem, was nunmehr – und sei es in bester Absicht – an unkündbar scheinenden Prinzipien über Bord geworfen wurde. Ich kann und werde bei aller Sympathie für alternative Energien meine Hände nicht in eine, und sei es auch nur vage, Nähe zu jenem Geldfass recken, das die Grundbelange des Natur- und Denkmalschutzes, so wie wir sie damals dachten, korrumpiert.

Denn, um eine auf Windenergieanlagen spezialisierte Anwaltskanzlei in Dießen am Ammersee zu zitieren: „Es hat sich zwischenzeitlich eine Art ,Goldgräberstimmung’ im Investitionsbereich entwickelt.“ Wir reden leider längst nicht mehr von einer verantwortbaren Zukunft der Energiewirtschaft in Deutschland. Wir reden vom schnellen Reibach. Wir reden von bedrängten Politikern, denen nach der Energiewende die Windräder als weithin sichtbare Symbole des Wandels zupasskommen. Wir reden von Bürgermeistern, die eine sprudelnde Geldquelle für ihre notorisch klammen Gemeindesäckel wittern. Wir reden von Anlegern, denen Betreiberfirmen acht Prozent Rendite für ihre Aktien garantieren. Und wir reden von den Betreibern selbst, denen sich innerhalb eines Jahres märchenhafte Perspektiven öffneten. Erinnern Sie sich noch, wie nach dem Debakel „Stuttgart 21“ von allen Seiten gefordert wurde, man müsse bei solchen Projekten den Bürger künftig weit früher und intensiver „mitnehmen“. Nun, bei der Windkraft wurden Bürger und Kommunen fraglos „mitgenommen“. Doch ich werde das Gefühl nicht los: Man hat sie schlicht gekauft.
Das ökologischer Umtriebe gewiss unverdächtige „Handelsblatt“ lieferte dazu am Beispiel der Betreiberfirma Prokon aufschlussreiche Zahlen: „Knapp sechs Prozent Eigenkapitalrendite erwirtschaftete Prokon aus seinen Stromeinnahmen im ersten Quartal, ausgeschüttet wurden aber acht Prozent. Wo kommen die fehlenden Prozente her? Es gibt bei den Windparks noch eine zweite, lukrativere Einnahmequelle, die genug abwirft, um Anleger zu bedienen – die Projektentwicklung. Die Entwicklung neuer Windparks hat mit zehn Millionen Euro im ersten Quartal mehr Umsatz gebracht als der ganze Verkauf von Strom, der vierzehn Millionen Euro einspielte. Der Gewinn nach Abschreibungen, Steuern und Zinsen war dort sogar rund doppelt so hoch.“

Diese Hoffnung gebe ich nicht auf

Wir werden gegen Wände reden, wenn wir immer neu belegen, dass es durchaus Alternativen zu dem Irrsinn des Rotoren-Hochwalds gäbe. Dass sich das Problem vermutlich gar nicht stellte, wenn man die Alternative einer Halbierung des gegenwärtigen Energieverbrauchs nur beherzt angegangen wäre, statt sie, wie die Regierung Merkel (in ihrer Bekanntmachung vom 21. April 2011), auf das Jahr 2050 zu verschieben. Allein durch ein Verbot des Stand-by-Modus an elektrischen Geräten ließen sich pro Jahr 20,5 Milliarden Kilowattstunden einsparen. Der konsequente Ersatz handelsüblicher Haushaltsgeräte vom Kühlschrank bis zur Waschmaschine durch energieeffiziente Varianten erbrächte laut Statistik des Deutschen Bundestages eine Ersparnis von 55,7 Prozent. Bei Industriemaschinen wären immerhin noch 15,7 Prozent herauszuholen.
Erinnern Sie sich noch, woran bei H. G. Wells die Invasion der Marsbewohner scheiterte? Sie scheiterte am Allerkleinsten dieser Welt. Sie scheiterte an den Mikroben, den Bakterien und Viren unserer Atemluft – ein bestrickend moderner Gedanke. Mir jedoch bleibt hier nur eine vage Hoffnung: dass die Invasion der Riesen vom Berge doch noch am verschwindend Kleinsten dieser Welt, nämlich an der Mikrobe menschlicher Vernunft, verenden könnte. Diese Hoffnung aber gebe ich – wider besseres Wissen – nicht auf.

Vor 37 Jahren habe ich den BUND mitgegründet – für eine schönere, gesündere Welt. Das Ziel wurde verfehlt, es geht nicht mehr um die Natur und ihren Schutz. Mir reicht es.
(Enoch zu Guttenberg)

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