Das erste Opfer nach dem Mauerbau

Die Motive der Erschießung Kurt Lichtensteins an der innerdeutschen Grenze sind bis heute umstritten.

Der erste Mensch, der nach der Errichtung der Berliner Mauer an der innerdeutschen Grenze erschossen wurde, war mit Kurt Lichtenstein ausgerechnet ein ehemaliger KPD-Politiker, der im Streit mit seiner Partei gebrochen hatte und sein journalistisches Talent nun in den Dienst der Gegenseite in Form der sozialdemokratischen „Westfälischen Rundschau“ stellte. Am 1. Dezember wäre der gebürtige Berliner 100 Jahre alt geworden.
Die Reise, die der Dortmunder Journalist Kurt Lichtenstein (1911–1961) am 9. Oktober 1961 in Lübeck angetreten hatte, endete drei Tage später mit seinem Tod an der innerdeutschen Grenze. Er war als Reporter der sozialdemokratischen Zeitung „Westfälische Rundschau“ in Dortmund unterwegs gewesen und hatte einen Bericht über die Stimmungslage der westdeutschen Bevölkerung an der DDR-Grenze schreiben wollen, acht Wochen nach dem Mauerbau in Berlin. Am 12. Oktober hatte er das Dorf Zicherie im Kreis Gifhorn erreicht, wo er, leichtsinnig und ohne die Folgen zu bedenken, den flachen Grenzgraben und den zehn Meter breiten Kontrollstreifen am „Kattlocher Busch“ überschritt, um mit Landarbeitern auf der DDR-Seite zu sprechen.
Was er nicht wusste, war, dass am Tag zuvor, am 11. Oktober, ein junger Bauer einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) an dieser Stelle hatte fliehen können, weshalb für die Grenzsoldaten der „Nationalen Volksarmee“ strikte Anweisung bestand, keine Grenzverletzungen mehr zuzulassen. Als er von zwei Soldaten, die versteckt in einem Waldstück lagen, um die arbeitenden Bauern zu überwachen, angerufen wurde, blieb er stehen und machte kehrt, um ins Bundesgebiet zurückzulaufen, wurde aber mit Gewehrschüssen niedergestreckt. Obwohl er bereits im Grenzgraben lag, wurde der Schwerverletzte, der langsam zu verbluten drohte, auf DDR-Gebiet zurückgeschleift und zunächst ohne jede ärztliche Hilfe liegen gelassen. Nach über einer Stunde, als er ins Krankenhaus der Kreisstadt Klötze im DDR-Bezirk Magdeburg eingeliefert worden war, verstarb er am Nachmittag an inneren Blutungen.
Seine sterblichen Überreste wurden, ohne dass seine Angehörigen ihre Einwilligung gegeben hätten, eingeäschert und seiner Witwe die Urne auf dem Postweg zugestellt. Sein Fall, der weltweites Aufsehen erregte, wurde in deutschen und ausländischen Zeitungen kommentiert. Kurt Lichtenstein, der am 1. Dezember 1961 seinen 50. Geburtstag hätte feiern können, war der erste „Grenzverletzer“ von 270 weiteren Deutschen, die zwischen 1961 und 1989 an der innerdeutschen Grenze erschossen wurden.
Unmittelbar nach der Beschießung des „Grenzverletzers“ Kurt Lichtenstein versuchte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), alle erreichbaren Spuren zu sichern, wobei es ihm versagt blieb, den auf der westdeutschen Seite der innerdeutschen Grenze abgestellten Personenkraftwagen des Dortmunder Journalisten zu untersuchen. Bei diesem Auto waren nämlich Scheiben durch Gewehrkugeln zertrümmert worden, was bedeutete, dass die beiden Soldaten auch Richtung Westdeutschland geschossen hatten, was ihnen aber strikt verboten gewesen war.
In einem MfS-Fernschreiben über die „Festnahme eines Grenzverletzers … unter Anwendung der Schusswaffe“ noch am 12. Ok­tober erfuhr man, dass Kurt Lichtenstein einmal am Schienbein und einmal eine Handbreit unter dem Herzen getroffen worden war, was bei drei Schüssen aus dem Karabiner und zwei Feuerstößen mit insgesamt 22 Schüssen aus einer Maschinenpistole nur schwer vorstellbar ist. Dass die beiden Grenzsoldaten, 18 und 19 Jahre alt, „sofort Ersthilfe leisteten“ und „einen Notverband anlegten“, ist anzuerkennen, auch wenn „von westlicher Seite während der Handlung keine Person dort war“. In einem Nachtrag zum Fernschreiben wurde erwähnt, dass ein Presseausweis, ein Bundestagsausweis für Journalisten und eine Schmalfilmkamera gefunden worden wären. Die Kamera wäre als Tatwerkzeug beschlagnahmt worden. Schließlich hieß es noch: „Nach dem bisherigen ärztlichen Gutachten ist keine Lebensgefahr bei dem L. vorhanden.“
In einem dritten Fernschreiben der „Grenzbereitschaft Gardelegen an die Grenzbrigade Magdeburg“ vom 12. Oktober, Kurt Lichtenstein war inzwischen nach Klötze überführt worden, hieß es dann schon: „16.40 teilte das Krankenhaus mit, dass bei L. starkes Lungenbluten eingetreten ist und Lebensgefahr besteht.“ Um 17.50 Uhr trat dann der Tod ein.
In einem Brief des behandelnden Arztes Adolf Frenzel an Gertrud Lichtenstein in Dortmund wurden dann weit schwerere Schussverletzungen genannt: „Es bestand bei ihm ein Brustdurchschuss, sowie ein Bauchdurchschuss und Schussbruch am linken Unterschenkel. Bei der Aufnahme war Ihr Mann schon sehr schwach und benommen und ist einige Zeit danach seinen Verletzungen erlegen.“
Vom Volkspolizeikreisamt in Klötze wurden schließlich auch, am Abend des 12. Oktober, drei LPG-Bauern und die beiden Todesschützen, die danach an andere Grenzabschnitte versetzt wurden, vernommen. In diesen Berichten wurde der inzwischen verstorbene Kurt Lichtenstein durchweg als „Provokateur“ bezeichnet. Da das Verbandsmaterial der Grenzstreife nicht ausreichte, wurde das der Kartoffelerntebrigade vom Traktor geholt. Ein Traktorist half dabei, den angeschossenen Journalisten in einer Zeltplane in das nahe Waldstück zu tragen, um ihn so den Blicken der westdeutschen Beobachter zu entziehen. Gegen 13.30 Uhr wurde Kurt Lichtenstein abtransportiert.
Am 13. Oktober wurden laut MfS-Fernschreiben auf der Westseite des „Kattlocher Buschs“, wo der „Provokateur“ angeschossen worden war, zwei Zöllner, vier Männer des Bundesgrenzschutzes (BGS), ein britischer Offizier und drei Zivilisten beobachtet, unter ihnen die aus Dortmund angereiste Witwe Gertrud Lichtenstein und Paul-Otto Vogel, der Chefre­dakteur der „Westfälischen Rundschau“.
Am 30. Januar 1962 war der Fall „Kurt Lichtenstein“ für die „Staatssicherheit“ abgeschlossen: MfS-Generalmajor Karl Kleinjung (1912–2003), zuständig für „Abwehr in der NVA“, schickte seinem Vorgesetzten, MfS-Generalmjor Bruno Beater (1914–1982), den Schlussbericht über die „Grenzprovokation … im Bereich der Kompanie Jahrstedt“.
Dass es auf westdeutscher Seite doch Augenzeugen dieses schreck­lichen Vorfalls gab, was von den beiden Soldaten bestritten wurde, kann man heute den Ermittlungsakten der „Zentralen Erfassungsstelle“ in Salzgitter entnehmen. Dort sind unter sieben Zeugenaussagen auch die des Schlossergesellen Georg Schilling aus Wolfsburg, die seiner Ehefrau und die seiner Schwiegermutter zu finden, die am 12. Oktober einen Ausflug an die Grenze unternommen hatten. Sie hatten übereinstimmend beobachtet, wie Kurt Lichtenstein angeschossen wurde und in den Grenzgraben fiel.
Diese Mordgeschichte hat freilich noch einen anderen Aspekt, der bis heute nicht ausreichend geklärt ist: Kurt Lichtenstein war seit 1928 Kommunist gewesen, hatte während der Jahre 1933/45 im Moskauer Exil gelebt, im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft und als „Illegaler“ im deutschen Widerstand. Als Chefredakteur der „Deutschen Volkszeitung“ in Dortmund wurde er 1950 abgelöst und nach einem Parteiverfahren 1953 aus der KPD ausgeschlossen. Er galt nun als „Renegat“ und „Parteifeind“, der unweigerlich verhaftet worden wäre, hätte er den SED-Staat betreten. Am 12. Oktober 1961 konnte sich die „Staatssicherheit“, die von seiner Grenzreise informiert war, seiner rasch und unwiderruflich entledigen.

(Jörg Bernhard Bilke, PAZ)

 

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