Blutiger Bruderkrieg eskaliert

Syrien-Krieg entzweit weltweit immer mehr Muslime – Nicht nur Sunniten und Schiiten greifen zur Waffe.

Bis ins ferne Australien entzweit der syrische Bürgerkrieg Sunniten und Schiiten. Immer mehr Sunnitenführer gießen durch den Aufruf zum Heiligen Krieg in Syrien weltweit Öl ins Feuer des interkonfessionellen Hasses.

Der Bürgerkrieg in Syrien ist längst kein nationaler Konflikt mehr, sondern trägt immer mehr konfessionelle Züge. Als sunnitisch-schiitische Auseinandersetzung hat er das Potenzial zu einem globalen Zerwürfnis. In der gesamten islamischen Welt leben Sunniten und Schiiten immer mehr in Frontstellung zueinander. Vor allem die Nachbarländer sind betroffen, aber auch entferntere Länder.
Das größte Konfliktpotenzial liegt in den Ländern, in denen sich Sunniten und Schiiten in etwa die Waage halten und die Machtbasis der jeweiligen Gruppe noch nicht so fest verankert ist, so zum Beispiel im Irak und im Libanon, zwei Nachbarstaaten, wo sich Schiiten und Sunniten bereits vor dem syrischen Bürgerkrieg spinnefeind waren. Libanon, Syrien und der Irak, die historisch viele Jahrhunderte ein Ganzes gebildet haben, bilden heute eine Region der Instabilität und des Konflikts. Begünstigt wird die Instabilität durch durchlässige Grenzen und grenzüberschreitende Allianzen. So ist seit dem Anstieg der Feindseligkeiten in Syrien im Mai mit 6000 Toten im Monat auch im Irak ein Anstieg interkonfessioneller Gewalt mit 1000 Toten festzustellen. War man bislang davon ausgegangen, dass der Konflikt aus Syrien in die Nachbarländer hinausgetragen wird, ist in letzter Zeit auch die umgekehrte Konfliktrichtung auszumachen. Aus dem Irak und dem Libanon werden Kämpfer, aber auch Konfliktpotenziale nach Syrien importiert, was den dortigen Konflikt zusätzlich aufheizt.
Schiitische Milizen aus dem Irak kämpfen auf Seiten des Assad-Regimes. Sunnitische Milizen aus dem Irak, allen voran Al-Kaida, die sich in Syrien Al-Nusra-Front nennt, in jahrzehntelangem Zermürbungskrieg gegen die US-Armee im Irak kampferprobt, haben sich schon seit Januar 2012 den Aufständischen gegen Assad angeschlossen. Mittlerweile glauben viele Beobachter, dass die Al-Nusra-Front gar den Hauptteil des Widerstandes gegen das Assad-Regime trägt. Seit der Eskalation der Gewalt in Syrien haben die Anschläge gegen Schiiten auch im Irak wieder zugenommen. Dahinter werden in der Regel radikale Sunniten vermutet, die immer mehr auch von salafistischen Netzwerken, den eigentlichen Gewinnern des arabischen Frühlings, unterstützt werden.
Im Libanon war der Syrien-Krieg zuerst angekommen. Die libanesische schiitische Regierungspartei Hisbollah kämpft für Baschar al-Assad. Libanesische sunnitische Salafisten kämpfen auf der anderen Seite. Deren Führer, Scheich Ahmed al-Assir, forderte seine Anhänger zum „Dschihad“ in Syrien auf, viele fürchten jetzt, dass er seinen Dschihad auch gegen die libanesische Armee fortsetzen könnte. In Tripoli liefern sich schon seit Monaten sunnitische Gegner und schiitisch-stämmige Anhänger des syrischen Machthabers heftige Kämpfe. Vor allem seit dem aktiven Eingreifen der Hisbollah auf Seiten der syrischen Armee im Bürgerkrieg ist auch die Bekaa-Ebene des Libanon zum Kriegsschauplatz des syrischen Bürgerkrieges geworden. Assad-Gegner drohen der libanesischen Hisbollah mit Anschlägen bis nach Beirut, sollte die Hisbollah nicht aufhören, in Syrien zu intervenieren.
Türkische Regierungspolitiker warnen schon lange vor einem „Kalten Krieg“ zwischen Sunniten und Schiiten – und gossen dennoch Öl ins Feuer. So genießen die Chefs des Aufstandes gegen Assad in der Türkei Asyl, sogar die radikalislamistischen Dschihadisten können ungehindert die Türkei als Aufmarschgebiet nutzen. Dabei liegt die Türkei selbst in einem Gefahrengebiet voller ethnischer und religiöser Verwerfungslinien. Auch in der Türkei lebt in der südlichen Provinz Hatay eine große Gruppe alawitischer Araber, die längst für ihre Glaubensbrüder in Syrien Position ergriffen hat. Auch die große Gruppe der türkischen und kurdischen Aleviten, die etwa 30 Prozent der türkischen Bevölkerung stellen, tendiert in ihren Sympathien eher zum Assad-Regime, und sei es nur aus Opposition zum Premierminister Recep Tayyip Erdogan, der die Aleviten im eigenen Land als Menschen dritter Klasse behandelt. Die 220000-Einwohner-Stadt Antakya ist heute auch eine Art Knotenpunkt für die Organisatoren der syrischen „Rebellion“. Auch Ali Yeral, das Oberhaupt der 700000 türkischen Alawiten, hat seine Rhetorik seit Beginn des Aufstandes gegen Assad radikalisiert. Die Aleviten, die bis heute nicht als eigene Religionsgemeinschaft in der Türkei anerkannt werden, bilden auch eine der stärksten Gruppen des Gezi-Aufstandes gegen Erdogan.
Der Bürgerkrieg in Syrien hat auch im 14000 Kilometer entfernten Australien für große Zwietracht unter den 500000 Muslimen gesorgt. Immer mehr Muslime verlassen, radikalisiert durch sunnitische Dschihad-Prediger, Sydney oder Melbourne, um an der Front gegen das Assad-Regime zu kämpfen. Wie in Europa begannen auch in Australien zunächst islamische Hilfsorganisationen mit humanitären Hilfsprogrammen, aber fast alle Helfer, die dann im Rahmen dieser Hilfsprogramme nach Syrien gegangen sind, sind zu Kämpfern des Heiligen Krieges geworden. Auf australischen Dschihad-Internetseiten werden bereits die ersten als Märtyrer gefeiert. Einer von ihnen war Roger Abbas, ein professioneller Kickboxer aus Bankstown, der bei einem Feuergefecht vor Aleppo erschossen wurde. Seine Familie ist jetzt zur Zielscheibe von Assad-Anhängern in Sydney geworden.
Während im Orient seit alters her religiöse Gruppen zum geschlossenen Zusammenwohnen tendieren, um sich im Konfliktfall besser zu verteidigen, wohnen in westlichen Aufnahmeländern wie Australien Schiiten und Sunniten durcheinander. Die Nachbarschaftskontrolle, die im Orient eminent wichtig ist, übernehmen in westlichen Ländern jetzt die sozialen Netzwerke, über die auch das nötige Geld zum Dschihad beschafft wird. Der Bürgerkrieg in Syrien hat die weltweite Frontstellung der Sunniten gegen die Schiiten verstärkt und hat das Potenzial zum Flächenbrand.

(Bodo Bost)

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