Die unangenehme Sicht

Alte Bekannte

Wie ein Foto alle Gräuel der Welt abbildet, warum wir mit Bush viel besser dran wären, und wie eine linke Idee plötzlich verblasst.

Beschämend, diese Kälte, mit der die westlichen Öffentlichkeiten dem Treiben des Gasmörders und Menschenschinders Assad zuschauen. Ein Kommentator verglich unsere jämmerliche Untätigkeit gar mit den Westmächten, die während der 30er Jahre nichts gegen Hitlers Judenhatz unternommen hätten. Mit der gleichen Bräsigkeit wehrten sich die Leute heute gegen ein militärisches Eingreifen in Syrien. Pfui.
Du lieber Himmel! Hitler! Das ist die moralische Höchststrafe, zu der ein Kommentator nur greift, wenn gar nichts anderes mehr hilft.
Wenn gar nichts anderes mehr hilft? Wieso hilft denn nichts anders mehr? Weil die Menschen so grässlich misstrauisch geworden sind und sich von keinen Beweisen für Assads Giftgas-Morde überzeugen lassen, von denen US-Außenminister John Kerry gleich eine ganze Palette aufgeboten hat. Unter den entsetzlichen Fotos begegneten wir auch einem echten Klassiker des Grauens. Das Bild zeigte lange Reihen eingewickelter Leichen, die dieses Mal als Assads Gas-Opfer vorgestellt wurden.
Dieses Mal? Ja, richtig, letztes Mal, es war im Mai 2012, wurde uns das Foto als neueste Aufnahme von Opfern eines konventionellen Massakers der Assad-Gesellen vorgestellt. Geschossen hat das Bild der italienische Fotograf Marco di Lauro. Aber nicht 2012, sondern 2003. Und auch nicht in Syrien, sondern im Irak. Der Mann sagte 2012, er sei vom Stuhl gefallen, als er seine Aufnahme vom Irak neun Jahre später als brandneues Syrien-Foto bei der BBC erblickt habe. Hoffentlich ist er gleich unten geblieben, sonst hat er sich nach der Kerry-Be­weispräsentation womöglich noch wehgetan beim abermaligen Stuhlfall. Und auch für die Zukunft lebt der Mann sturzgefährlich. Wer weiß denn, als welcher Beweis für welche Gräueltat das Lauro-Bild demnächst noch auftaucht?
Die bewegten Bilder von den Gas-Opfern zeigt man uns nur noch verschwommen. Aus Rück­sicht auf die Würde der Toten und um uns den schrecklichen Anblick zu ersparen, heißt es pietätvoll. Als die Bilder noch scharf waren, konnte man sehen, dass einige der erwachsenen männlichen Leichen gefesselt waren. Zudem huschten Menschen zwischen den Toten herum, die den Opfern offenbar irgendetwas injizierten.
Wieso fesselt man die Leute, bevor man Gasbomben auf sie wirft? Oder sind die etwa ganz anders gestorben? Vielleicht so: In einem anderen grässlichen Film zeigen uns tapfere „Rebellen“ gefangengenommene Assad-Kämpfer. In einem weiteren Film sieht man einige der Männer mit durchgeschnittener Kehle, von den „Rebellen“ präsentiert als Opfer des Assad-Terrors.
Und die Injektionen? Vielleicht Stoffe, die bei einer Obduktion auf einen Tod durch Gas hindeuten? Man weiß es alles nicht.
Woher das Misstrauen gegen die „Beweise“ für Assads Gas-Verbrechen also rührt? Nun, vielleicht hat der Zynismus der Lügner und Betrüger ein gewisses Echo gefunden bei den Belogenen und Betrogenen. Und das dröhnt den journalistischen Adepten der Kerrys, Obamas, Hollandes oder Camerons nun schmerzhaft in den Ohren. In dieser Not muss die letzte, die ultimative Karte gespielt werden: der Hitler-Vergleich. Damit haben wir schließlich noch jeden ins Bockshorn bekommen. Mal sehen, vielleicht klappt’s ja auch diesmal. Man muss es wenigstens versuchen.
Ärgerlich ist es allerdings, dass mit Friedennobelpreisträger Barack Obama ein Demokrat, also ein Freund der deutschen Linken den Finger am Abzug hat. Das passt irgendwie nicht. Viel schöner wäre jetzt ein Republikaner wie George W. Bush. Mit so einem auf der Zielscheibe könnte die deutsche Linke die Syrien-Flunkerei und das Pistolero-Gebaren der US-Führung wunderschön in den deutschen Wahlkampf zerren, wie 2002, als Schröder mit Bush und dem anstehenden Irakkrieg die Wahl gewonnen hat.
Angela Merkel war damals hin- und hergerissen zwischen ihrer Loyalität zu Washington, ihren eigenen Wahlkampf-Interessen und ihrer Intelligenz, die ihr ganz gewiss flüsterte, dass die Amis mit gezinkten Karten spielten. In diesem Sammelsurium widerstreitender Nöte konnte sie der gerissene Schröder genüsslich herumschubsen. Denn die Straßen waren voll von Anti-Bush-Demonstranten, die immer auch auf Merkel zielten.
Heute sind die Straßen ziemlich leer. Das hat aber auch sein Gutes, denn statt bloß „Kein Krieg in …!“ schreien zu müssen, können die Parteien links der Mitte heuer mit echten Ideen glänzen. Wie zum Beispiel dieser hier: Die grüne Bürgermeisterin des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg will den Verkauf von Cannabis in ihrem Stadtteil legalisieren. Aber nicht etwa von irgendwelchem Kraut, sondern am besten, wie Monika Herrmann dem „Spiegel“ ohne die Spur von Ironie enthüllt, „mit Biosiegel“.
Rauschgift mit Biosiegel, darauf muss mal einer kommen. Was folgt als nächstes? Tollkirschen-Marmelade aus „klimaneutralem Anbau“? Kokain aus „fairem Handel“ im Dritte-Welt-Laden?
Merkwürdig: Die Erfahrung mit dem verordneten Vegetarier-Tag in Kantinen scheint den Grünen noch nicht zu reichen. Der Vorschlag steckt ihnen im Hals, als hätten sie eine Ananas im Stück verschluckt. Die einen haben nur drüber gelacht, die anderen die Fratze der Alles-Verbieten-Partei gesehen. Die Umfragewerte sack­ten weg. Nun stopft Frau Hermann noch eine Ladung Bio-Haschisch hinterher. Gleichzeitig führen die Grünen den Heiligen Krieg gegen ordinären Tabak. Wer soll da noch durchsteigen?
Nun ist das sture Nicht-Verarbeiten von Erfahrungen eine Übung, die zum Linkssein unerlässlich ist. So begegnet uns im Wahlkampf eine vermeintlich neue Idee, die in Wahrheit ein uralter Bekannter ist. Und zwar einer, der eine Spur von Verwüstung, Verwahrlosung und jahrzehntelangen Versorgungsengpässen hinter sich her zog. Die Rede ist von der „Mietpreisbremse“.
Gelernte DDR-Bewohner können sich lebhaft an die Schattenseiten staatlich massiv gedeckelter Mieten erinnern. Wo nichts zu verdienen ist, da wird nämlich auch nichts gemacht, so einfach ist das. Und daher gab es immer zu wenig Wohnungen in der DDR, und die, die da waren, rotteten oft erbärmlich vor sich hin. Die „Mietpreisbremse“ würde vor allem den Wohnungsbau bremsen und die Investitionen von Vermietern in ihre Objekte, je heftiger die „Bremse“ angezogen würde, desto stärker.
Gut, aber warum sollten wir aus der DDR-Erfahrung lernen? Der nächste Sozialismus ist (im Unterschied zu ausnahmslos allen vergangenen) schließlich immer der, der ganz bestimmt funktioniert. Sagt man. Sagt man solange, bis er da ist, der nächste Sozialismus, dann weiß man es regelmäßig besser. Doch dann kämpfen wir ja schon für den übernächsten.
So können wir also gewiss sein, dass die „Mietpreisbremse“ zum Renner auf allen Gerechtigkeitsdebatten der nächsten Jahre wird. Um eine andere linke Idee ist es stiller geworden. Mit dem „bedingungslosen Grundeinkommen für alle“ zogen zuletzt nur noch die depperten „Piraten“ durchs Land. Woher die plötzliche Zurückhaltung? Das Ziel an sich haben sie natürlich nicht aufgegeben, aber sie stellen es nicht mehr so prominent ins Schaufenster.
Und warum nicht? Nun, vielleicht haben die Zuströme vom Balkan einen verfrühten Realitäts-Schock ausgelöst. Ab 1. Januar wird zuzüglich zu denen, die manche Kommunen schon jetzt aus den sozialen Angeln heben, noch einmal bis zu eine Million weiterer Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien erwartet. Man stelle sich kurz vor, Deutschland verspräche der ganzen darbenden Welt ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ weit über Hartz IV. Wie viele dann wohl hereinströmten? Die Restlaufzeit des deutschen Sozialstaats wäre in wenigen Jahren oder gar Monaten zu bemessen.

(Hans Heckel, PAZ)

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