Franz Fuchs und die Theorie

Österreich feiert – kann man es feiern nennen? – den Jahrestag der Briefbomben-Anschläge. Unvermeidlich war dabei die Wiederkäuung der Geschichte von Franz Fuchs. Bis in das perverse Polit-Blog Wikipedia zieht sich dabei die „offizielle“ Version dieser Geschichte.
Franz Fuchs aus Gralla habe Bomben gelegt, Briefbomben verschickt und Droh- oder Bekennerbriefe einer Baiuwarischen Befreiungsarmee verteilt. Dafür sei er schuldig gesprochen worden und habe sich in der Haft erhängt. So wird es erzählt.

Gehen wir zurück zum Gerichtsverfahren. Für Franz Fuchs wird ein Verfahrenshelfer als Verteidiger bestellt. Die Verteidigung übernimmt mit Gerald Ruhri ein völlig unerfahrener Rechtsanwaltsanwärter, dem genau aufgetragen wird, was er tun darf und was nicht. Franz Fuchs erhielt nicht die Chance auf einen professionellen Strafverteidiger. Die Brisanz der Sache war zu hoch, es sollte um jeden Preis vermieden werden, zu viel ans Tageslicht kommen zu lassen.
Nach einem Schauprozess, in dem keine echte Beweisführung zugelassen und alle Beweisanträge der Verteidigung abgeschmettert worden waren, wurde Franz Fuchs am 10. März 1999 verurteilt. Richter Heinz Fuhrmann begab sich nach dem Urteil zu Fuchs in dessen Zelle und fragte ihn, ob er berufen wolle, so heißt es. Fuchs wollte nicht, wird erzählt. Damit ersparte sich das Gericht eine Urteilsausfertigung, einschließlich der genauen Begründung. Am 26. Februar 2000 habe sich Franz Fuchs dann in seiner Zelle in Graz-Karlau erhängt. Das ist die offizielle Version.

Schuld? Oder Nichtschuld?
Wir werden es nicht erfahren. Im Ermittlungsverfahren war mehr vertuscht als ermittelt worden, Ermittler hatten teils politische Aufträge erhalten, wichtige Akten und Beweise wurden seither vernichtet. Ein toter Täter erspart jedes weitere Verfahren.
Franz Fuchs hatte jedenfalls während des Prozesses und auch noch beim Besuch des Richters in seiner Zelle jeden Zusammenhang mit den Briefbomben und den Briefen bestritten. Das allein hätte jedem Verteidiger genügen müssen, das Urteil anzufechten.
Beim Betrachten von Einzelheiten gerät so mancher in bedrohliches Kopfschütteln.
Passiert waren, wie gesagt, einige Bombenanschläge, die Anschläge mit Briefbomben und Briefe einer Baiuwarischen Befreiungsarmee. Franz Fuchs als Einzeltäter? Aus bequemer Sicht der Politik ja, aus objektiver Sicht keinesfalls.

Bombenanschläge:
Es spricht vieles für eine Täterschaft von Franz Fuchs. Wirkliche Beweise gab es zwar nicht, aber Fuchs hatte die Möglichkeit und das Wissen, solche Anschläge auszuführen. Die Bombenanschläge könnten ihm daher zu recht angelastet worden sein. Genaueres hätte man höchstens bei einem echten Beweisverfahren herausbringen können.

Briefbomben:
Diese stammten nicht von Franz Fuchs, konnten von ihm zumindest nicht hergestellt worden sein. Die hochgradige Sehschwäche von Fuchs ließ eine solche Präzisionsarbeit nicht zu; die technische Arbeit an den Bomben und bei der Herstellung der Briefbomben war zu unterschiedlich; man fand auch keine ausreichend eindeutigen Beweise für die Schuld.
Aus politischer Sicht war wichtig, mit der Person des Franz Fuchs die gesamte Affäre zu erledigen. Sonst war die Gefahr zu hoch, mit weiteren Nachforschungen in ein heißes Wespennest zu stechen. Also wurden die Briefbomben dem Angeklagten gleich mit um den Hals gehängt.

Briefe der Baiuwarischen Befreiungsarmee:
Um die gesamte Sache abzudecken, konnten auch diese Briefe nur von Franz Fuchs stammen. So die offizielle Version. Weder sprachlich noch inhaltlich noch sonstwie passten diese Briefe mit Fuchs zusammen. Von wem stammten sie wirklich?
Die Ermittler hatten sich zuerst in ganz andere Richtungen bemüht. Ein EDV-Spezialist namens Gerhard P. (mittlerweile verstorben) war in dringenden Verdacht geraten, festgenommen worden. Man hatte seine technische Ausrüstung beschlagnahmt – und die Beamten bissen sich verzweifelt alle Zähne an den Speichermedien des Verschlüsselungsspezialisten aus. Nichts von einer Täterschaft blieb bei ihm hängen.
Einige andere Personen, die unliebsam aufgefallen waren, wurden schlicht und einfach einer rechtsextremen Szene zugeordnet, verdächtigt, beschuldigt. Täter können immer nur rechtsextrem sein, das ist vorgegeben. Bis die Ermittler zurückgepfiffen wurden, weil man mit Franz Fuchs einen Alles-Täter präsentieren konnte.
Denn die Suche nach den Briefschreibern war heiß geworden, Blicke in ein geschütztes politisches Revier hatten sich aufgetan. Das wurde riskant. Neben anderen, in die nähere Wahl gerückten Personen wurde gegen einen Salzburger Anwalt ermittelt. Die Diktion seiner Anwaltsschreiben war der Diktion der Baiuwaren-Briefe sehr ähnlich, zudem hatte der Anwalt enge Beziehungen zur Traunsteiner Nazi-Szene, war dort mit einem einschlägig belasteten Richter befreundet, auch mit einem Baiuwaren-Verein wurde gespielt.
Das durfte nicht sein, also hing man Fuchs auch die Briefe um.
Wer immer die wirklichen Täter waren – sie wurden nie genannt, nie belangt. Sie laufen weiterhin frei herum.
Zum Unterschied von Franz Fuchs.

Sachwalterschaft:
Zu Franz Fuchs wurde während des Prozesses die Prüfung einer Sachwalterschaft beantragt. Nach einem sofort eingeholten Gutachten war Fuchs psychisch krank, für ihn wurde ein „Sachwalter für alle Angelegenheiten“ bestellt. Der Einfachkeit halber sein Anwalt Gerald Ruhri.
Das bedeutet nicht nur, eine psychisch kranke und vollständig besachwalterte Person wurde verurteilt. Es bedeutet auch, Richter Fuhrmann hatte einen besachwalterten und nicht selbst handlungsfähigen Verurteilten gefragt, ob er eine Berufung erheben wolle. Nicht aber den Verteidiger und gleichzeitig Sachwalter. Der Richter hatte das Nein des nicht willensfähigen Besachwalterten als Entscheidungswillen genommen, obwohl Fuchs weiterhin den Zusammenhang mit den Briefbomben und den Briefen bestritten hatte. Dieser eigenartige Vorgang fügt sich nahtlos in das Verfahren, das ohne schriftliches Urteil geendet hatte.

Hinrichtung:
Die offizielle Todesstrafe ist in Österreich nicht erlaubt. Abweichungen geschehen deshalb nur im Verborgenen.
Franz Fuchs hatte beide Hände und Unterarme verloren. Ihm wurden Prothesen angepasst, die er aber üblicherweise nicht in die Zelle mitnehmen durfte. Er stand unter strenger Bewachung und Beobachtung, seine Zelle wurde regelmäßig inspiziert.
Das Wunder geschah trotzdem.
Innerhalb eines Zeitraums von rund 40 Minuten schraubte Franz Fuchs einen Wandschrank ab, isolierte das Kabel seines Rasierapparates ab (nicht mit den Zähnen, dort fanden sich keine Spuren), brachte das Kabel reißfest an einer der Schrauben des Wandschrankes an und erhängte sich. Lange genug, um bei der Auffindung bereits tot zu sein. Alles innerhalb von rund 40 Minuten und alles ohne Prothesen.
Houdini hätte seine Freude an dieser Kunst gehabt. Die politisch Verantwotlichen hatten sie nicht weniger. Denn Bemühungen, das sehr schwammig geführte Verfahren wieder aufzurollen, hätten womöglich Schmutziges zu Vorschein kommen lassen.
Die ganze Affäre wurde mit Franz Fuchs beerdigt. Nur nichts neu aufrollen.

(Gastkommentar)

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