Sowjetischer Appetit

Unbeachtet von der schlafenden Europäischen Union baut die neue Sowjetunion ihre innere und äußere Stärke auf. Der Westen lullte sich jahrelang mit den Sirenentönen verschiedener Friendensinstitute ein, die Rote Armee sei nichts mehr wert und hätte keine Kampfkraft mehr. Die Potenz der russischen Rüstungsproduktion wurde nicht beachtet, die russische Stellung als größter Waffenexporteur der Welt (gerade noch vor China, aber nicht mehr lange) geht an Öffentlichkeit und Politik spurlos vorüber.
Meinungsfreiheit ist nicht gefragt, die Straflager in Sibirien sind längst wieder überfüllt. Wahlen sind nur Farce, wer nicht richtig wählen will, wird von der Polizei abgeholt. Die Duma entscheidet auf Befehl des Führers.
Früher bot der Warschauer Pakt der Sowjetunion ein Vorfeld gegen Eroberungen aus dem Westen, die nie geplant waren. Heute geht die sowjetische Führung selektiv vor. Sie hat aus den Erfahrungen von Afghanistan gelernt.

Die baltischen Staaten und Polen sind nicht mehr sowjetisch. Das stört nicht. Die sowjetische Enklave Kaliningrad, das alte Königsberg, liegt mitten in dieser Region. In Kaliningrad stehen russische Nuklearraketen, die ganz Europa treffen können. Die Europäer schlafen und schweigen.
Die DDR war früher der wichtigste militärische Vorposten der Sowjetunion, gegen den Feind im Westen. Durch die Dummheit des Ex-Sowjetführers Michail Gorbatschov ging die DDR zwar verloren. Aber die neue Sowjetunion hat sich abgesichert. Die ehemalige DDR-Einheitspartei SED hat als Die Linke nicht nur neuerlich große Gebiete der ehemaligen DDR unter politischer Kontrolle, sondern verbindet sich zunehmend mit den Grünen und anderen kommunistischen Parteien, um die politische Landschaft in Deutschland nachhaltig (ein beliebtes Schlagwort der Grünen) auf Sowjetkurs umzudrehen. Moskau steckt hohe Summen in diese Anstrengungen.
Belarus, das ehemalige Weiß-Ruthenien, wurde mit einer russischen Bevölkerungsmehrheit versehen und ist ein reiner Satellitenstaat der Sowjetunion. Daran hat sich nichts geändert. Russische Truppen kontrollieren von dem ideal zwischen dem Baltikum, Polen und der lästigen West-Ukraine liegenden Belarus die gesamte Region.
An der Südseite der West-Ukraine erklärte sich das ehemalige Moldawien nach dem Zerfall der alten Sowjetunion für unabhängig. Das wurde nicht hingenommen, russische Truppen griffen den Kleinstaat an. Die Transnistrien genannte Region wurde von den Russen erobert, noch heute stehen mehrere sowjetische Divisionen dort. Moskau besitzt damit ein günstiges Aufmarschgebiet in die Zentral-Ukraine.
Auf der anderen Seite wurden die Kaukasus-Stämme jahrzehntelang niedergebombt. Übrig blieben nur mehr kleinere islamische Gruppen, die von den Russen nicht zu Unrecht als Terroristen verkauft werden können. Das kleine Georgien war unbotmäßig und wurde angegriffen. Abkhasia und Süd-Ossetien wurden mittels russischer Truppen abgespalten.

Für die neue Sowjetunion waren die ersten Testfälle erfolgreich verlaufen. Leise Proteste gegen die Nuklearwaffen in Kaliningrad erstickten in europaweiten Gegenprotesten der extremen Linken, die Macht der Straße war zurück. Die linksextreme Szene ist nur dort gegen Nuklearwaffen, wo sie die Sowjetunion bedrohen könnten.
Der Westen blieb sehr schweigsam, als russische Truppen Krieg gegen Moldawien führten. Niemand interessierte sich für das kleine Land. Prompt fuhren die Moskau-gestützten Kommunisten in Moldawien Wahlerfolge ein, die Wirtschaft stürzte ab.
Wichtiger war der Krieg gegen Georgien. Der Westen, hauptsächlich die Europäische Union, fand nichts an der Eroberung und Abtrennung großer Teile Georgiens, durch russische Truppen. Auch nichts an den rund dreihunderttausend Getöteten und Vertriebenen. Als schließlich auch noch die georgische Regierung durch westliche Politiker beschuldigt wurde, sie hätte die—völkerrechtswidrig in Georgien eingesetzten—russischen Truppen angegriffen, deshalb sei der nachfolgende Angriff durch russische Truppen gerechtfertigt, wurden wichtige Erkenntnisse gewonnen. Diese Erkenntnisse bestätigten sich zuletzt, als in Sotchi eine Olympiade veranstaltet wurde und niemand ein Wort über die nur 15 Kilometer verlor, die Sotchi vom russisch besetzten Teil Georgiens trennen.

Wichtigster Bestandteil dieser militärischen Operationen ist immer der Einsatz von Spezialeinheiten (Speznaz und andere), die im Vorfeld abgesetzt werden, um Verbindungen zu sabotieren, Zielpersonen auszuschalten, Informationen zu sammeln. So war es in Georgien, so war es zuletzt auf der Krim.
Seit dem Zusammenbruch der alten Sowjetunion wurde die Rote Flotte grausam vernachlässigt. Sie war schon seit Tsushima das Stiefkind der Russen gewesen, die sich immer als Landmacht sahen. Auch da zeigte sich die neue Sowjetunion lernfähig. Sowjetführer Vladimir Putin erkannte rasch die Bedeutung strategischen Denkens auch bei der Marine.
Bedeutendster Einsatzhafen der sowjetischen Marine ist heute, noch mehr als früher, Sewastopol auf der Krim. Der Hafen kontrolliert, in bequem erreichbarer Distanz, die Brennpunkte des Schwarzen Meers. Das ist Odessa, im Hinterland durch das gepanzerte Transnistrien abgestützt und die gesamte Süd-Ukraine beherrschend. Das ist Istanbul, mit dem wichtigen Seeweg in das Mittelmeer, noch kontrolliert von den alten Feinden, den Türken, mit einer wenig stabilen Regierung. Die Russen vergaßen den Türken nie deren Unterstützung islamischer Terroristen, vom Kaukasus bis jetzt in Syrien.
Auch Georgien, der wichtige Zugang zur Region südlich des Kaukasus, liegt in Schlagweite der Krim. Ein russischer Admiral meinte vor wenigen Tagen, Georgiens Streitkräfte hätten binnen 40 Minuten zerschlagen werden können, hätte die russische Flotte ein modernes Fahrzeug zur Verfügung gehabt, nicht nur die veralteten Schiffe in Sewastopol.
Diese Schiffe werden der neuen Sowjetunion bald zur Verfügung stehen. In Frankreich sind zwei große Hubschrauberträger mit amphibischen Möglichkeiten in Bau. Einer davon wird noch heuer ausgeliefert, der zweite im nächsten Jahr. Die neue Sowjetunion wird dann mit modernen Kräften die gesamte Region kontrollieren.
Notwendig war es—dazu wurden die olympischen Spiele perfekt ausgenutzt—die zentral in der Region liegende Krim zu bekommen. Nicht weniger wichtig war, welche Reaktionen das hervorrufen würde.

Bisher ist die Europäische Union nicht nur sehr still. Zahlreiche (gut bezahlte) Stimmen unterstützen die Politik Putins, im 21. Jahrhundert militärisch Teile anderer Staaten zu okkupieren. Die größten EU-Staaten sind am schweigsamsten: Frankreich liefert der Sowjetunion neue Schiffe, Deutschland liefert anderes militärisches know how. Mit Ausnahme weniger Regimenter der Legion ist die Kontinental-EU militärisch auch nicht mehr potent.
Andere Staaten warten sehr gespannt auf Reaktionen und ihre Ergebnisse. Wird es im 21. Jahrhundert einem Land gelingen, durch militärische Eroberung Land zu gewinnen? Das „Ich will auch!“ steht unüberhörbar im Raum.
Der Iran, dessen Besitz von Kernwaffen bisher entgegen der vorliegenden Beweise nicht geglaubt wird, steht Gewehr bei Fuß, um sich Teile des Irak anzueignen. China will wichtige Inselgruppen im Südchinesischen Meer, und auf den Happen Taiwan hat man auch noch nicht verzichtet. Bleibt die Krim russisch, wird auch niemand mehr ein Wort über Tibet verlieren dürfen. Indien will Kashmir und manches andere von Pakistan. Die Muslimbrüder wollen Ostlibyen. Und Syrien sowieso. In Afrika wollen alle mehr Entwicklungshilfe, um sich mehr Waffen kaufen zu können, um mehr erobern zu können. Die Argentinier wollen die Islas Malvinas.
Und so geht es weiter. Denn—darf einer erobern, wie will man dann andere hindern?
Der Große Führer Putin drehte die Zeit mit einem Schlag zwei Jahrhunderte zurück.

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